Screenshot der Webseite / Twitter-Weltkarte

18.04.2011 | Notizen zur re.publica 11

#rp11 #eindrücke #blau #digiges

Vom 13. bis 15. April fand die re:publica 11 in Berlin statt. Eine Konferenz rund um Blogs, soziale Medien und die digitale Gesellschaft. Selten habe ich soviel Kritik über eine Webkonferenz mitbekommen. Ich kann nur sagen: Ich fand's toll.

Auf anderen Konferenzen oder Barcamps komme ich auf vielleicht zwei Seiten in meinem Notizbüchlein (richtig gelesen: Zettel und Stift), auf der re:publica habe ich sieben Seiten vollgekritzelt. Das allein spricht schon für eine gehaltvolle Aktion. Hier ein paar ausgewählte Highlights, freilich alles rein subjektiv:

Interessanteste Session: »Fünf Jahre Informationsfreiheit - der Verweigerte Zugang zu Behördendaten«
Peter Schaar, Christian Humborg, Matthias Spielkamp und Manfred Refels plauderten über das Informationsfreiheitsgesetz, das im Januar 2006 in Kraft getreten ist. Rechtsanspruch der Allgemeinheit auf Zugang zu Behördendaten auf Bundesebene vs. die Realität. Mit vielen interessanten Beispielen.
Überhaupt sind das Informationsfreiheitsgesetz, Open Data, Datenschutz und Datenfreiheit Themen, über die mehr geschrieben werden könnte. Weshalb ich mich in den nächsten Wochen den Themen noch einmal umfangreicher widmen will.
Session-Info

Session, die ich mir immer noch nicht nachräglich angeschaut habe, obwohl sie auf Twitter übermäßig gehyped wird: »Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem«
@TrendTown schreibt: »Clever, bissig, witzig und sehenswert! Prof. Dr. Gunter Dueck auf der Republica 2011.«
@paidhi meint: »Spitzen-Vortrag von Gunter Dueck von der re:publica 2011. Anschau-Befehl!«
Fühle mich wie @strippel: »Überall »ANSCHAUBEFEHLE [sic!]« in meiner Timeline bzgl. #dueck und #rp11«
Nebenbei: Gehyped? Gehypet? Gehypt? Jedenfalls: übermäßg angepriesen.
Session-Info | Video auf YouTube

Das beste Design: »Von LOLcats bis Eisner-Award«
Das ist freilich unfair gegenüber allen anderen, denn Johannes Kretzschmar (beetlebum.de) kann zeichnen und hat damit ganz andere Möglichkeiten für seine Folien. Andererseits: Hübsch ist hübsch.
Inhaltlich war ich ganz beruhigt, dass ich nur drei, vier seiner Comic-Beispiele vorher noch nicht gesehen hatte. In dem Bereich bin ich ja gerne gut informiert.
Session-Info

Bestes Wort: Scheißheit
Etwa: »Das Phänomen muss in seiner gesamten Scheißheit betrachtet werden«. Gehört bei Sascha Lobo in seinem wissenschaftlichen Vortrag über »Jüngste Erkenntnisse der Trollforschung«. Amüsanter Vortrag übrigens.
Insbesondere hat er hiermit recht: »Wenn ein Journalist aus den Erwachsenenmedien irgendwas Neues im Internet sieht, was er erklärt haben will, dann ruft er zu 90 Prozent der Fälle mich an. Wenn jemand mich anruft, müsst ihr euch das so vorstellen, dass er euch nicht anruft. Und das ist nicht mein Problem, das ist euer Problem.«
Session-Info | Video auf YouTube

Lieblingszitat: »Ich glaube, Bloggen ist wie Verdauen für mich«
Das fiel Felix Schwenzel aus dem Mund; in der Session »10 Jahre Blogs in Deutschland - Was war, was wird«.
Session-Info

Unerwartete Hilfestellung für anspruchsvolle Beleidigungen: Cicero für Juristen
In derselben Session verwies Jörg Kantel auf »Cicero für Juristen«. Das Buch bietet allen Bloggern gehobene Hilfe für Beleidigungen, und zwar auf Latein. Und weil das kaum jemand übersetzen kann, gibt es (hoffentlich) weniger Probleme mit Abmahnungen.

Twitter-Thema, das ich in jenen drei Tagen komplett verpasst habe: #flittern
Nun muss ich bei der ZEIT nachlesen, was es mit #hach, <3, #filf und Faven auf sich hat. Und überhaupt: Ich sollte mehr Smileys nutzen…
Session-Info

Beste Bar, in der man Mittwochs Abend aus Versehen bis spät in die Nacht versacken kann: Muschi Obermair
Zumindest soweit ich mich daran erinnere. Mit bestem Gruß an die Mitversacker.
Zur Webseite

Die Top-Links zu kruden Webseiten

Aus der Session »Ringelpietz mit Anklicken: Parteiseiten, Perlenzüchter, Ponypornos«
Session-Info

Farbspiele plus

Da kommen also Hunderte webaffine Menschen am Mittwoch auf der re:publica an und dürfen sich mit einem Tweet einer Farbe zuordnen - also #blau, #rot oder #grün sein. Alle folgenden Tweets jener Person gehören damit zu dieser Farbe. Im FriedrichstadtPalast ist an der Wand dann eine große Animation zu sehen: Aktuelle Tweets, Welche Farbe ist gerade wie aktiv, Wieviele Tweets pro Minute gibt es, farbige Rauten ziehen über die Karte.

Tweet von @textformer: Kaum auf der #rp11 und schon #blau

Alles schon ganz nett, eine hübsche Spielerei. Aber ich meine, da lässt sich auch mehr draus machen, etwa Farbschlachten. Das ginge dann so: Das Programm zählt die Wörter in den Tweets zur #rp11. Pro Buchstabe bildet das Wort mit der häufigsten Nennung ein Land, zum Beispiel Vortrag fürs V. Wer nun einen Tweet mit diesem Wort und #rp11 absetzt (und sich vorher einer Farbfraktion angeschlossen hat), gewinnt einen Punkt für seine Farbe und das Land. Ein Land gehört jeweils der Farbe, die dort die meisten Punkte hat. Zwischendurch gibt es Tweets etwa von @rp11wars, nach dem Motto: »@textformer erobert *Vortrag für #blau«.

Dann kann man sich zum Beispiel nebenbei kleine Schlachten um einzelne Wörter liefern. Oder sich wundern, wenn plötzlich »Voting« öfter genannt wird als »Vortrag« und ab sofort dieses Wort-Land umkämpft wird. Wer am häufigsten ein Land für sein Team erobert, kann einen Preis gewinnen. Und wer nicht mitspielen will, ignoriert das Spiel und twittert ganz normal - und beeinflusst doch die häufigsten Wörter.

Das lässt sich sicher noch ausbauen und aufhübschen. Aber immerhin wäre es ein Spiel, statt nur Spielerei. Und wenn man keine Wort-Länder erobern will, baut man das Spielprinzip eben so auf, dass man Wortpate werden kann, das ist weniger militaristisch.

Zum Thema Farbfraktionen und Tweets siehe auch die hübschen Statistiken von BuzzRank zur re:publica.

Inhalte, Tiefe und das Netz

Dies war meine erste re:publica. Aber ich war auf jeder Menge anderer Konferenzen und BarCamps. Die Kritik, die teilweise geäußert wird, kann ich nicht verstehen.
Natürlich funktioniert das Netz meist nicht, wenn 3.000 Leute zusammenkommen. Finde ich auch nicht so tragisch wie andere Leute. So fällt es leichter, den Sessions zu folgen. Und natürlich erzählen die Leute vorne nichts neues, wenn sich die Zuhörer genau die Themen aussucht, die sie ohnehin verfolgen. Vor allem: Wenn jemand nichts über Feminismus hören will, soll er sich in eine der anderen Sessions setzen. Ich fand die Themenauswahl an sich richtig und gut.

Tweet von @textformer: Kaum auf der #rp11 und schon #blau @inpressulum sieht das schon ganz richtig: »re:publica ist immer das, was man selbst daraus macht... #rp11«

Was ich gelten lasse, ist die Kritik an den Räumen. Bei 3.000 Besuchern, muss der Veranstalter vorher damit rechnen, dass Räume für 50 Personen schnell mal völlig überlaufen sein können. Aber für die nächste re:publica soll es ja eine andere Location geben.

Die Digitale Herrschaft

Zum Thema »Miserabelster Start eines Vereins«: Markus Beckedahl gründet mit »Digitale Gesellschaft« einen Verein (@digiges), der sich als Lobby für die Internetgemeinde versteht. Davon lese ich dann am 12. April zufällig auf stern.de. Anstatt dazu nun einen öffentlichen Start mit Session und Diskussion auf der re:publica zu machen (warum nicht als Keynote?), geht die Webseite eher nebenbei online. [EDIT: Offenbar gab es dazu einen Slot. Kam der erst später dazu? Ich habe es an dem Tag nicht mitbekommen.] Neue Mitglieder soll es erst einmal nicht geben, um nicht gleich alles zu zerreden. Das Argument kann ich nachvollziehen, aber für jemanden, der die Netzgemeinde vertreten will, ist das ein richtig dummer Ansatz. Auf der Webseite ist weder die Satzung zu finden, noch die Mitglieder. Wie bitte? Ich soll mich von einer selbsternannten, kleinen Gruppe vertreten lassen, die sich noch nicht einmal öffentlich vorstellen kann?

Ich könnte noch länger drüber lästern, aber die Beiträge von F!XMBR und Simon Zeimke fassen meine Kritik bereits ideal zusammen. Wobei ich insbesondere noch diesen interessanten, anonymen Ansatz/Kommentar hervorheben möchte.

An »ein U-Boot der Grünen« (F!XMBR) glaube ich nicht, über die Führung der Initiative ließe sich streiten, aber allein die Art und Weise, wie uns das vorgesetzt wird, zeugt dann doch dafür, dass langjährige Netz-Aktivisten irgendwas nicht verstanden haben.

Einige Meinungen anderer Teilnehmer

 

konferenzrp11digitale gesellschaft